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Der Geschmack meiner Kindheit. Zweiter Teil. Anklamer Wurstwaren

 

Wir sind jetzt tatsächlich mal ein paar Tage vor der Hitze in den Norden geflüchtet, auf die Insel Usedom. Über eine Last Minute Buchung konnten wir noch das letzte Zimmer in einem sonst ausgebuchten Hotel, direkt am Strand bekommen. Dass es so etwas in der ehemaligen DDR überhaupt gibt, ist ein Wunder. Die Maritim Chefin, Dr. Monika Gommolla, würde glatt einen roten Kopf bekommen, würde sie das hier sehen. Ostdeutsch und daher gut. Kein Wunder ist es, dass in dem Familienbetrieb regionale Lieferanten im Fokus stehen. Beispielsweise gibt es, neben allem was gut und teuer ist, auch noch die guten alten, Fleisch- und Wurstgläser der »Anklamer Wurstwaren«. Frühstücksfleisch, Blutwurst, Leberwurst, Bierschinken in Gläsern mit Schraubdeckel, genau noch so, wie in der DDR. Ich würde im Leben nicht darauf kommen, mir da im Supermarkt auch nur ein Glas zu kaufen. Ist nix Bio, ist konserviert und auch nicht frisch. Allerdings da musste ich schon mal kosten, nur ein ganz kleines Bisschen. Und siehe da, es schmeckte noch genau so übertrieben salzig wie auf dem Campingplatz in Zinnowitz 1974.

Es war Sommer, Fußball WM, schönes Wetter und mein Vater hatte mal wieder einen Campingplatz über die Zentrale Vermittlung in Stralsund ergattert. An den Dacia 1300 wurde der Camptourist 5 gehängt und los ging es zur Ostsee. Camping, das war die Welt meines Vaters. Es gab ihm die Freiheit, die er zum Regenerieren brauchte, um dann, im Job wieder die Unsinnigkeiten des sozialistischen Systems ertragen zu können. Was es zu kaufen oder zu organisieren gab, war dabei. Ein mit Propangas betriebener Kühlschrank, ein Kofferfernseher, um die WM Spiele sehen zu können, eine extra große Matratze, die über die ganze Schlafstelle passte, um die Luftmatratzen zu sparen und, und, und. Natürlich hatten wir zu den Spielen um die 50 Gäste vor dem Zelt, die alle mit sehen wollten. Ein Chemieklo wäre noch gut gewesen, gab es aber nicht. Zum Händewaschen und Zähneputzen gab es den Wassersack über dem Wasserloch. Das musste ich bei Ankunft buddeln und mit Zweigen belegen. Die Toiletten stanken einem schon 100 Meter entgegen. Man musste sich auf einen Holzklotz setzen und das kleine Geschäft wurde an die stinkende schwarze Wand gestellt. Beim Bäcker musste man zwei Stunden für die Semmeln anstehen. Und in der Zeltgaststätte gab es warmes Bier und kalten Kaffee, ach und Bockwurst mit Kartoffelsalat, der schon Grünspan angesetzt hatte. Alles igitt. Deshalb hatte mein Vater vorgesorgt. Alles was man brauchte, war dabei. Ob er die Wurst im Glas jetzt irgendwo vor Ort kaufte, kann ich nicht mehr sagen. Aber den Geschmack, den habe ich heute sofort wiedererkannt. Es war der Geschmack meiner Kindheit, der Geschmack der DDR. Gerne dazu ein Glas Vita Cola, das passt. Prost. OvG

Der Blick vom Frühstückstisch ist schon nicht ganz schlecht.

Auch das Etikett ist noch voll DDR like. Morgen nehme ich das sicher nicht wieder, ich weiß ja jetzt, dass es noch genau so wie damals schmeckt, nach viel, viel Salz.